{"id":3212,"date":"2023-05-07T22:57:04","date_gmt":"2023-05-07T20:57:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.lateshift.ch\/?p=3212"},"modified":"2023-05-07T22:57:06","modified_gmt":"2023-05-07T20:57:06","slug":"juli-1978-celler-loch-erschuettert-niedersachsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.lateshift.ch\/?p=3212","title":{"rendered":"Juli 1978: Celler Loch ersch\u00fcttert Niedersachsen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von Michael Lange<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein lauter Knall. Ein Feuerball erhellt die Nacht, als am 25. Juli 1978 um 2.54 Uhr eine Bombe an der Justizvollzugsanstalt Celle detoniert. Die Beamten im Wachturm geben Alarm und leuchten mit Suchscheinwerfern die sechs Meter hohe Au\u00dfenmauer ab. Dort klafft ein Loch von rund 40 Zentimetern Durchmesser. Viel sp\u00e4ter erst wird bekannt: Es war ein fingierter Anschlag mit Wissen der damaligen CDU-Landesregierung. Der Verfassungsschutz lie\u00df das Loch in die Gef\u00e4ngnismauer sprengen. V-Leute sollten so in den harten Kern der RAF eingeschleust werden. Es dauert bis 1986, bis die Hintergr\u00fcnde aufgedeckt werden &#8211; durch einen Journalisten der &#171;Hannoverschen Allgemeinen Zeitung&#187; (HAZ).<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Es sollte wie eine Befreiungsaktion aussehen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem am fr\u00fchen Morgen des 25. Juli 1978 die Celler Kriminalpolizei und der entsetzte Gef\u00e4ngnisdirektor Paul K\u00fchling eingetroffen sind, st\u00fcrmen gegen vier Uhr Beamte in Zivil zielsicher die Zelle von Sigurd Debus und durchsuchen sie. K\u00fchling ordnet Einzelhofgang an. Der damals 35-j\u00e4hrige mutma\u00dfliche Terrorist sitzt eine zw\u00f6lfj\u00e4hrige Haftstrafe ab &#8211; wegen politisch motivierter Bank\u00fcberf\u00e4lle und der Vorbereitung zweier Bombenanschl\u00e4ge. Der Nachweis f\u00fcr eine direkte Tatbeteiligung an den Anschl\u00e4gen fehlt allerdings.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Terrorist liegt noch im Bett<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dieser Nacht sieht alles danach aus, als h\u00e4tten Sympathisanten aus dem linksextremistischen Milieu Debus befreien wollen. Denn Kripo-Beamte in Salzgitter haben schon im Februar ein verd\u00e4chtiges Fahrzeug sichergestellt, in dem sie neben Munition auch einen gef\u00e4lschten Ausweis mit dem Foto von Sigurd Debus fanden. Bei der Durchsuchung der Zelle in Debus&#8216; Abwesenheit entdecken Beamte angeblich Ausbruchswerkzeug. Allerdings hat Debus zum Zeitpunkt der Detonation im Bett gelegen und schien \u00fcberhaupt nicht auf seine Befreiung vorbereitet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Verdacht f\u00e4llt auf die RAF<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schlagzeilen am n\u00e4chsten Morgen berichten einhellig von einem Terroranschlag auf die Justizvollzugsanstalt. Der Verdacht liegt nah: Zwei Monate zuvor ist in Berlin eine bewaffnete Befreiungsaktion aus dem Gef\u00e4ngnis Moabit gelungen. Doch als entscheidendes Indiz f\u00fcr einen terroristischen Hintergrund der Tat pr\u00e4sentiert das Landeskriminalamt in Hannover das sogenannte Dellwo-Papier. Urheber des Strategiepapiers soll <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/geschichte\/chronologie\/RAF-Rote-Armee-Fraktion-Terror-statt-Politik,rafindex101.html\">RAF<\/a>-Mitglied Karl-Heinz Dellwo sein, der 1975 am Anschlag auf die deutsche Botschaft in Stockholm beteiligt war. Die darin skizzierte &#171;Verunsicherungsstrategie&#187; liest sich wie das Drehbuch zum Celler Anschlag: Unblutige &#171;Anschl\u00e4ge auf den \u00e4u\u00dferen Bereich der Vollzugsanstalten&#187; seien durchzuf\u00fchren, um &#171;eine Zusammenlegung einsitzender Terroristen zu Interaktionsgruppen&#187; zu erzwingen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Tage sp\u00e4ter erscheint das erste Fahndungsfoto des Verd\u00e4chtigten Klaus-Dieter Loudil. Der Mith\u00e4ftling von Sigurd Debus war aus seinem Hafturlaub nicht zur\u00fcckgekehrt. Doch die Fahndung verl\u00e4uft ergebnislos.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Bombe platzt zum zweiten Mal<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 25. April 1986 &#8211; drei Wochen vor der Landtagswahl in Niedersachsen &#8211; macht die &#171;Hannoversche Allgemeine Zeitung&#187; mit einer unglaublich klingenden Geschichte auf: Der Anschlag auf die Justizvollzugsanstalt Celle sei komplett inszeniert gewesen. Doch was Journalist Ulrich Neufert in seinem sp\u00e4ter preisgekr\u00f6nten Artikel aufdeckt, entspricht der Wahrheit. Beamte legten die Bombe, Minister waren ihre Auftraggeber, der Verfassungsschutz sekundierte. H\u00f6chste Regierungskreise vom nieders\u00e4chsischen <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/geschichte\/chronologie\/Ueberlaeufer-kueren-Ministerpraesidenten,ernstalbrecht105.html\">Ministerpr\u00e4sidenten Ernst Albrecht<\/a> bis zum damaligen Bundesinnenminister Werner Maihofer waren eingeweiht, Gef\u00e4ngnisdirektor Paul K\u00fchling sowieso.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die &#171;Aktion Feuerzauber&#187; sollte V-Leuten ein St\u00fcck Biografie verschaffen, um ihnen den Einstieg in die linksextremistische Szene zu erm\u00f6glichen. F\u00fcr diesen Job rekrutierte der Verfassungsschutz neben Klaus-Dieter Loudil den ebenfalls wegen schwerer Verbrechen verurteilten Manfred Berger. Beide bem\u00fchten sich schon vor dem Anschlag, als Lockspitzel Komplizen f\u00fcr die geplante &#171;Befreiungsaktion&#187; anzuwerben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Regierung Albrecht feiert &#171;Terror-Theater&#187; als Erfolg<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erste Stellungnahmen lassen nicht lange auf sich warten. W\u00e4hrend Gerhard Schr\u00f6der als damaliger SPD-Spitzenkandidat Albrecht daf\u00fcr attackiert, dass er &#171;zur Bek\u00e4mpfung des Terrors den Einsatz terroristischer Mittel anordnet&#187;, gibt sich der Ministerpr\u00e4sident selbstbewusst: &#171;Ich bin sicher, dass unsere Bev\u00f6lkerung genau das von mir verlangt.&#187; Zur Erfolgsbilanz der Aktion z\u00e4hlen angeblich der verhinderte Mord an einem Celler Justizvollzugsbeamten durch Debus und die Entdeckung einer konspirativen Wohnung in Hamburg, in der eine F\u00fcnf-Kilo-Bombe gefunden wurde und die als &#171;Volksgef\u00e4ngnis&#187; gedacht war. Au\u00dferdem h\u00e4tten die V-Leute wichtige Informationen \u00fcber die baskische Terror-Organisation ETA ermittelt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Untersuchungsausschuss liefert Einblicke<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ende 1986 eingesetzte parlamentarische Untersuchungsausschuss kann Albrechts Eigenlob, &#171;schlimme Verbrechen&#187; verhindert zu haben, nicht best\u00e4tigen. Tats\u00e4chlich traten die V-Leute als reichlich fragw\u00fcrdige Provokateure auf. Sie halfen, so vermutet der Gr\u00fcnen-Abgeordnete Georg Fruck, Verbrechen aufzukl\u00e4ren, &#171;die sie selbst eingef\u00e4delt und dann als Erfolg verkauft&#187; haben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Sprengstoffanschlag als &#171;nachrichtendienstliches Mittel&#187;<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wesentlich st\u00e4rker als die Celler Gef\u00e4ngnismauer ist das Vertrauen in die Politik und die Sicherheitsorgane ersch\u00fcttert. Das Sch\u00fcren von Terrorangst und die gezielte Desinformation der Bev\u00f6lkerung f\u00fchrten dazu, dass man k\u00fcnftig nicht mehr wisse, &#171;welche Anschl\u00e4ge von Terroristen und welche vom Staat zu verantworten sind&#187;, urteilt der damalige Abgeordnete des Nieders\u00e4chsischen Landtags J\u00fcrgen Trittin. Verfassungssch\u00fctzer Peter Frisch hatte n\u00e4mlich betont, dass auch ein Sprengstoffanschlag durchaus ein &#171;nachrichtendienstliches Mittel&#187; sein k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein fragw\u00fcrdiger Pr\u00e4zedenzfall<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die am 7. Mai 1986 eingeleiteten Ermittlungsverfahren gegen die Beteiligten der Sprengung werden tags darauf wieder eingestellt, da sich in den Augen der L\u00fcneburger Staatsanw\u00e4lte keine Anhaltspunkte f\u00fcr Straftaten ergeben h\u00e4tten und f\u00fcr verschiedene Vorw\u00fcrfe bereits Verfolgungsverj\u00e4hrung eingetreten sei. Unklar bleibt zun\u00e4chst, ob eine derartige staatliche Sprengaktion samt umfassender Desinformation grunds\u00e4tzlich rechtens ist oder nicht. Die abrupte Einstellung des Verfahrens legt jedoch nahe, dass solches Handeln nicht gegen Gesetze verst\u00f6\u00dft. Dadurch erh\u00e4lt das Celler Loch den Status eines fragw\u00fcrdigen Pr\u00e4zedenzfalls.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kein Fall f\u00fcrs Museum<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als 1998 die alte Au\u00dfenmauer der Justizvollzugsanstalt Celle einer neuen weicht, fr\u00e4st die anstaltseigene Maurerkolonne das Celler Loch in einem Block heraus und rekonstruiert es. Seitdem erinnert das Denkmal Besucher, Bedienstete und Bewohner an den Skandal, damit, so Paul K\u00fchlings Nachfolger R\u00fcdiger Wohlgemuth, &#171;dieser Staatsunsinn nicht in Vergessenheit ger\u00e4t.&#187; Doch vom Celler Loch bleibt nicht nur ein Denkmal zur\u00fcck, sondern auch die stets wiederkehrende Debatte um den Einsatz von Lockspitzeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/geschichte\/chronologie\/Juli-1978-Celler-Loch-erschuettert-Niedersachsen,cellerloch100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Quelle<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Michael Lange Ein lauter Knall. Ein Feuerball erhellt die Nacht, als am 25. Juli 1978 um 2.54 Uhr eine Bombe an der Justizvollzugsanstalt Celle detoniert. Die Beamten im Wachturm geben Alarm und leuchten mit Suchscheinwerfern die sechs Meter hohe Au\u00dfenmauer ab. Dort klafft ein Loch von rund 40 Zentimetern Durchmesser. 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