{"id":3279,"date":"2023-05-21T14:46:36","date_gmt":"2023-05-21T12:46:36","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.lateshift.ch\/?p=3279"},"modified":"2023-05-21T14:46:37","modified_gmt":"2023-05-21T12:46:37","slug":"beluga-wal-im-rhein-moby-dick-narrt-seine-haescher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.lateshift.ch\/?p=3279","title":{"rendered":"Beluga-Wal im Rhein &#8211; Moby Dick narrt seine H\u00e4scher"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor 50 Jahren schwamm ein wei\u00dfer Wal den Rhein bis Rolandseck hinauf und mischte sogar die Bonner Bundespressekonferenz auf. Erst nach einem Monat kehrte er zur\u00fcck ins Meer.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Morgen des 18. Mai 1966 melden Bernd Albrecht und Willi Dethlevs, Besatzungsmitglieder des Tankschiffs \u201eMelani\u201c, um 9.30 Uhr den Beamten der Duisburger Wasserschutzpolizei eine denkw\u00fcrdige Beobachtung. Die beiden Rheinschiffer wollen bei Stromkilometer 118,5 in H\u00f6he von Duisburg-Neuenkamp einen wei\u00dfen Wal im tr\u00fcben Wasser gesichtet haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Wal? Im Rhein? Die Beamten unterziehen die beiden M\u00e4nner erst mal einem Alkoholtest: Vielleicht sind es ja von wei\u00dfen M\u00e4usen bis zum wei\u00dfen Wal nur ein paar Korn mehr. Der Test verl\u00e4uft negativ, die erfahrenen Rheinschiffer sind stockn\u00fcchtern und zudem im Vollbesitz ihrer geistigen Kr\u00e4fte. Also begeben sich die Beamten der Wasserschutzpolizei selbst auf die Suche \u2013 und werden wenige hundert Meter flussaufw\u00e4rts f\u00fcndig: Da schwimmt tats\u00e4chlich ein Wal und erscheint in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden an der Oberfl\u00e4che, um zu atmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich kein 30 Meter langer und 200 Tonnen schwerer Blauwal, auch kein Pottwal, kein Finnwal; nur ein etwa vier Meter langer Wei\u00dfwal, von Zoologen auch Beluga genannt \u2013 mehrere tausend Kilometer entfernt von seinem nat\u00fcrlichen Lebensraum, den arktischen Gew\u00e4ssern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#171;Niemand wollte uns das abnehmen&#187;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Belugas sind gr\u00f6\u00dfer und schwerer als Delfine und von diesen leicht zu unterscheiden: durch die wei\u00dfe Haut, die sie an der Packeisgrenze vor Eisb\u00e4r-Angriffen sch\u00fctzen kann, das Fehlen einer R\u00fcckenfinne, den bulligeren Kopf und eine bemerkenswerte Eigenschaft: Belugas sind in der Lage, ihre Gesichtsz\u00fcge zu ver\u00e4ndern. Sie k\u00f6nnen ihre Mundwinkel nach oben oder nach unten ziehen und au\u00dferdem die Lippen spitzen. Kluge, kommunikationsfreudige Tiere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der damalige Leiter der Wasserschutzpolizei hat ebenfalls seine liebe Not, nicht f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt zu werden: \u201eNiemand wollte uns das abnehmen. Als ich das Innenministerium in D\u00fcsseldorf verst\u00e4ndigte, fragte man zur\u00fcck: Wer spricht denn eigentlich da?\u201c Nur einer glaubt die Geschichte gleich aufs Wort: Wolfgang Gewalt, damals Direktor des Duisburger Zoos. Denn der Beluga war f\u00fcr einen englischen Zoo bestimmt, das Frachtschiff mit dem Meeress\u00e4uger an Bord geriet in einen Orkan, das Schiff kr\u00e4ngte in schwerer See, die meterhohen Wellen sp\u00fclten schlie\u00dflich den Wal \u00fcber Bord.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Belugas halten sich gern in flacheren K\u00fcstengew\u00e4ssern und vor Flussm\u00fcndungen auf. Aber dieser hier schwimmt immer weiter flussaufw\u00e4rts. Ein Wal geh\u00f6rt nun mal nicht in den Rhein, und weil alles seine Ordnung haben muss (und der Direktor seine Chance wittert, einen Beluga f\u00fcr seinen Duisburger Zoo einzuheimsen), bl\u00e4st Herr Gewalt alsbald zur Jagd; nicht mit Schrot und Korn, aber mit Schnellbooten, Stangen, Netzen und einem Bet\u00e4ubungsgewehr. Doch die gnadenlose Hatz bleibt ohne Erfolg. Weil der Wal viel zu clever ist, um sich fangen zu lassen. Und weil niederl\u00e4ndische Biologen und zunehmend auch die deutsche Bev\u00f6lkerung auf die Barrikaden gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Direktor Gewalt beugt sich schlie\u00dflich dem \u00f6ffentlichen Druck und beendet die Jagd \u2013 wohl auch, weil der Wal \u00fcberraschend kehrtmacht, bei Wesel zum letzten Mal gesichtet wird und zun\u00e4chst spurlos verschwindet. Da hat die Nation den kleinen, klugen Beluga schon adoptiert und getauft: auf den Namen \u201eMoby Dick\u201c, nach Herman Melvilles weltber\u00fchmtem Roman (s. Info-Text unten). Manche behaupten, das Ereignis habe dem Umwelt- und Naturschutz in Deutschland erstmals einen politischen Schub verpasst. Damals werden die Abw\u00e4sser der St\u00e4dte und Chemieunternehmen vielfach noch ungefiltert in den Rhein geleitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da wird der Wei\u00dfwal in der Ijssel gesichtet und schwimmt weiter bis ins Ijsselmeer. Die Niederl\u00e4nder nennen ihn nicht \u201eMoby Dick\u201c, sondern \u201eWilli de Waal\u201c, und sie jagen ihn nicht, sondern \u00f6ffnen die Schleuse, um ihm den Weg in die Nordsee zu ebnen. Aber \u201eWilli de Waal\u201c dreht wieder ab \u2013 und wird am 11. Juni in K\u00f6ln gesichtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Tage sp\u00e4ter sprengt \u201eMoby Dick\u201c die Bonner Bundespressekonferenz zur Nato-Politik: Die offensichtlich spannendere Nachricht verbreitet sich im Saal am Tulpenfeld wie ein Lauffeuer, Journalisten und Politiker rennen wie der ge\u00f6lte Blitz ans nahe Rheinufer, um den Beluga in Augenschein zu nehmen. Aber \u201eMoby Dick\u201c nimmt keine Notiz von der Medienmeute, schwimmt unbeirrt weiter, macht schlie\u00dflich bei Rolandseck kehrt \u2013 und wird nur drei Tage sp\u00e4ter, am 16. Juni 1966 um 18.42 Uhr, zum letzten Mal bei Hoek van Holland gesichtet, bevor er nach einmonatiger Rhein-Tour auf Nimmerwiedersehen im offenen Meer verschwindet. Niemand wei\u00df, was aus ihm geworden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 50 Jahren schwamm ein wei\u00dfer Wal den Rhein bis Rolandseck hinauf und mischte sogar die Bonner Bundespressekonferenz auf. 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