{"id":3594,"date":"2023-07-26T19:25:51","date_gmt":"2023-07-26T17:25:51","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.lateshift.ch\/?p=3594"},"modified":"2023-07-26T19:26:24","modified_gmt":"2023-07-26T17:26:24","slug":"der-sklavenhandel-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.lateshift.ch\/?p=3594","title":{"rendered":"Der Sklavenhandel \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diskussionen \u00fcber Sklaverei werden heute, wie so vieles, auf weitgehend faktenfreiem Grund gef\u00fchrt. Deshalb haben wir aus der hervorragend sortierten Bibliothek von Dr. habil. Heike Diefenbach ein Altwerk entnommen, dem man wiederum eine kompakte und dennoch informierte Darstellung des Sklavenhandels entnehmen kann. Wir sagen vorher, dass die Darstellung f\u00fcr viele derer, die heute so erz\u00fcrnt \u00fcber den Sklavenhandel sind, der die Menschheit die meiste Zeit ihrer Existenz begleitet hat, in weiten Strecken neu sein wird und bitten unsere Leser, das folgende Exzerpt, das insofern ein Kleinod darstellt als es zwischenzeitlich politischer S\u00e4uberung anheim gefallen ist, zu verbreiten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Exzerpt stammt aus Fischer \u201cWeltgeschichte\u201d Band 32: Afrika, verfasst von Pierre Bertaux; Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt 1983, eine Rarit\u00e4t aus der Zeit, als man noch Dinge wusste, und Wissen gerade NICHT durch Gef\u00fchl ersetzt hat.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"301\" height=\"500\" src=\"https:\/\/blog.lateshift.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Fischer-Weltgeschichte-Afrika-1983.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-3595\" srcset=\"https:\/\/blog.lateshift.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Fischer-Weltgeschichte-Afrika-1983.webp 301w, https:\/\/blog.lateshift.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Fischer-Weltgeschichte-Afrika-1983-181x300.webp 181w\" sizes=\"auto, (max-width: 301px) 85vw, 301px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cEs war die Suche nach Reicht\u00fcmern, welche die Europ\u00e4er \u00fcber ihre Grenzen hinaustrieb. Alle Kr\u00e4fte der Portugiesen hatten sich auf das eine Ziel konzentriert, die gr\u00f6\u00dften damals bekannten Quellen des Reichtums in Indien und im Orient auszusch\u00f6pfen. Die unsicheren und mehr ertr\u00e4umten als wirklichen Reicht\u00fcmer Westindiens hatten sie daf\u00fcr gerne den Spaniern \u00fcberlassen. Aber nach den fl\u00fcchtigen Einf\u00e4llen der Konquistadoren auf der Suche nach Gold er\u00f6ffneten sich den Pflanzern der Neuen Welt weitere und langlebigere Perspektiven. Westeuropa begann Zucker, Rum, Tabak und Baumwolle zu sch\u00e4tzen, was den Aufschwung der Antillen, Louisianas und Brasiliens zur Folge hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Welche M\u00f6glichkeiten der Bereicherung bot demgegen\u00fcber Afrika? Wo war das m\u00e4rchenhafte Gold von Bambuk? Die minen Guineas brachten nur wenig Gold hervor. Afrika wies mit seiner kargen Erde und seinem ungesunden Klima einen einzigen Reichtum, eine einzige Gro\u00dfproduktion auf: seine kr\u00e4ftige und fruchtbare Bev\u00f6lkerung, die von den Sklavenh\u00e4ndlern euphemistisch \u2018Ebenholz\u2019 genannt wurde. Gerade Sklaven aber wurden in den Pflanzungen Westindiens ben\u00f6tigt, denn der Anbau von Zuckerrohr verlangte zahlreiche Arbeitskr\u00e4fte. Die drei Welten \u2013 die europ\u00e4ische, die afrikanische und die amerikanische \u2013 schienen einander wirtschaftlich zu erg\u00e4nzen. Die Entwicklung des europ\u00e4ischen Sklavenhandels in Afrika war einerseits eine Folge der Entdeckung der Neuen Welt, andererseits die Konsequenz der Entwicklung in Europa, insbesondere der Einf\u00fchrung des Zuckerkonsums.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Afrikas Reichtum an Arbeitskr\u00e4ften war \u00fcbrigens schon lange ausgebeutet worden. Zahlreiche politische und soziale Systeme gr\u00fcndeten auf der Sklaverei, andere auf der Sklavenj\u00e4gerei und dem Sklavenhandel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Araber wussten von der Sklaverei Gebrauch zu machen. Unter den schwarzen Sklaven sch\u00e4tzten sie besonders die kastrierten, blieb ihnen doch dadurch jenes Problem erspart, das ein paar Jahrhunderte sp\u00e4ter die schwarze Bev\u00f6lkerung in den USA darstellte. Die Tuareggesellschaft konnte in der W\u00fcste nur auf Grundlage von Schwarzen \u2018Gefangenen\u2019 existieren, die ein unentbehrliches Element ihrer Organisation darstellten. Wie lange Zeit die europ\u00e4ischen Kulturen, so beruhten auch die afrikanischen Gesellschaften auf der unfreien Arbeit, deren einfachste Form die Sklaverei war. Platon und Aristoteles sind nur in einer Gesellschaft denkbar, die sich auf Sklaverei st\u00fctzt. Zumindest gab die Sklaverei selbst bei den Christen fr\u00fcher zu keinerlei Gewissenskonflikt Anlass. Unter den Merowingern war Verdun an der Maas ein ber\u00fchmter Sklavenmarkt auf halben Weg wischen slawischer (daher der Name Sklaven, also Slawen) und arabischer Welt. Die ersten in Europa verwendeten Negersklaven waren den Mauren an der marokkanischen K\u00fcste abgekauft worden. Man hatte sie also von den Ungl\u00e4ubigen erl\u00f6st, was in den Augen des Herrn und der Christenheit doch nur eine Wohltat sein konnte. Zwar verurteilte das Papsttum grunds\u00e4tzlich den Sklavenhandel; dennoch ist das 1571 vom Gerichtshof von Bordeaux verk\u00fcndete Urteil einzigartig, das, im Gegensatz zu Portugal, einem Sklavenh\u00e4ndler den Verkauf von Sklaven im Land mit der Begr\u00fcndung verbot, \u2018Frankreich, die Mutter der Freiheit, biete keinem einzigen Sklaven Platz\u2019.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"556\" height=\"378\" src=\"https:\/\/blog.lateshift.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Arab-Slvae-trade.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-3596\" srcset=\"https:\/\/blog.lateshift.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Arab-Slvae-trade.webp 556w, https:\/\/blog.lateshift.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Arab-Slvae-trade-300x204.webp 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 556px) 85vw, 556px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Lauf des 17. Jahrhunderts sollten in den Praktiken des Sklavenhandels Ver\u00e4nderungen eintreten, die auch seinen Charakter beeinflussten und \u2013 auf lange Sicht \u2013 eine Reaktion hervorriefen. Dieses neue Element war die Ver\u00e4nderung der Gr\u00f6\u00dfenordnung, die dem ganzen Ph\u00e4nomen einen anderen Aspekt verlieh. Wie viele Afrikaner m\u00f6gen \u00fcber den Atlantik geschafft worden sein? Die Annahmen schwanken stark. Eine Sch\u00e4tzung auf 10 Millionen jenseits des Atlantiks verkaufter Sklaven scheint zu niedrig. Aber selbst gr\u00f6\u00dfere Zahlen verm\u00f6gen die Wirkung des Sklavenhandels nicht wiederzugeben. Die Zahl der eingef\u00fchrten Sklaven muss schon um mindestens 25% vielleicht wesentlich mehr, erh\u00f6ht werden, um die mitzuz\u00e4hlen, die auf dem Transport starben. Doch muss man auch diejenigen miterfassen, die dem Sklavenhandel indirekt zum Opfer fielen. Um den wei\u00dfen Sklavenh\u00e4ndler nur einige Dutzend Sklaven verkaufen zu k\u00f6nnen, metzelten die schwarzen Sklavenj\u00e4ger eine betr\u00e4chtliche Anzahl Erwachsener und Kinder nieder und vertrieben ganze D\u00f6rfer, deren desorganisierte und ihrer m\u00e4nnlichen Erwachsenen beraubte Bewohner kaum zu \u00fcberleben vermochten. Die Entv\u00f6lkerung und vor allem die indirekten Auswirkungen fallen unvergleichlich viel st\u00e4rker ins Gewicht als die nackte Zahl der deportierten Sklaven.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vier Jahrhunderte lang haben die Europ\u00e4er Sklavenhandel betrieben, wobei das 18. Jahrhundert allein ebenso viele Transporte aufwies wie das 16., 17. und 19. Jahrhundert zusammengenommen. Geographisch gesehen verteilen sich die \u00dcbernahmestellen an der afrikanischen K\u00fcste, wo die wei\u00dfen Sklavenh\u00e4ndler das \u2018Ebenholz\u2019 von den schwarzen Sklavenh\u00e4ndlern in Empfang nahmen folgenderma\u00dfen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>die Goldk\u00fcste und die benachbarte \u2018Sklavenk\u00fcste\u2019 (Ghana, Togo, Dahome, Nigeria), die im 17. und 18. Jahrhundert den Hauptanteil der \u2018Ladung\u2019 lieferten;<\/li>\n\n\n\n<li>das Nigerdelta, wo die Sklavenh\u00e4ndler sich seit dem 18. Jahrhundert versorgten und das nach der offiziellen Abschaffung des Sklavenhandels eine wichtige Rolle im Sklavenschmuggel des 19. Jahrhunderts spielen sollte;<\/li>\n\n\n\n<li>Angola und der Kongo, die vier Jahrhunderte lang regelm\u00e4\u00dfig bedeutende Kontingente lieferten;<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter welchen Flaggen wurden die Sklaven \u00fcber die Ozeane geschafft? Der aus Sevilla stammende Bischof des mexikanischen Bistums Chiapa, Bartholomeo de las Casas, regte 1498 die \u00dcberf\u00fchrung von Negern nach Mexiko an. Da Papst Martin V. verk\u00fcndet hatte, dass \u2018den Ungl\u00e4ubigen kein einziger Teil der Welt geh\u00f6ren sollte\u2019, lie\u00df sich der Sklavenhandel auf christliche Art und Weise mit den Evangelisationsanstrengungen rechtfertigen. Im Jahr 1502 begannen die Spanier, Neger nach den Antillen zu bringen. Aber die spanische Krone \u00fcbertrug den Sklavenhandel fl\u00e4mischen Kaufleuten. Da sich die Flamen jedoch nicht immer an die Abmachungen der Vertr\u00e4ge hielten und versuchten, die den spanischen Auftraggebern zustehenden Prozente zu umgehen, kam es oft zu Streitf\u00e4llen. Als einige unter den christlichen Nationen hatte Spanien seinen B\u00fcrgern stets die Erlaubnis verweigert, sich am Sklavenhandel zu beteiligen. 1500 wurde Christoph Kolumbus eingekerkert, weil er Christen in die Sklaverei gezwungen hatte. Jedoch hatten die Spanier nichts dagegen einzuwenden, wenn man von Portugiesen, Holl\u00e4ndern oder Briten Sklaven kaufte, die diese aus Afrika eingef\u00fchrt hatten. Der Handel wurde auf den M\u00e4rkten von Sevilla und den Kanarischen Inseln abgewickelt. Auch die Portugiesen, die seit dem 15. Jahrhundert von den Mauren der marokkanischen K\u00fcste schwarze Sklaven kauften, hatten einen bl\u00fchenden Markt aufgebaut: In Lissabon wurden j\u00e4hrlich 12 000 Sklaven verkauft. Auf dem internationalen Markt verdr\u00e4ngten die Flamen sie jedoch mehr und mehr. Die Portugiesen befriedigten schlie\u00dflich nur noch ihre eigenen Bed\u00fcrfnisse, die in Brasilien allerdings sehr bedeutend waren. Im 18. Jahrhundert wetteiferten Franzosen und Engl\u00e4nder um die Vorherrschaft, die schlie\u00dflich von den englischen Schiffen errungen wurde. Diese sorgten dann f\u00fcr mehr als die H\u00e4lfte des gesamten Sklavenhandels \u00fcber den Atlantik. Nach der offiziellen Abschaffung des Sklavenhandels wurde er w\u00e4hrend des 19. Jahrhunderts nur noch von Halbpiraten, Schmugglern und Blockadebrechern ausge\u00fcbt, die unter keiner nationalen Flagge segelten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"714\" src=\"https:\/\/blog.lateshift.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Slaveshipposter_cropped-1024x714.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-3597\" srcset=\"https:\/\/blog.lateshift.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Slaveshipposter_cropped-1024x714.webp 1024w, https:\/\/blog.lateshift.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Slaveshipposter_cropped-300x209.webp 300w, https:\/\/blog.lateshift.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Slaveshipposter_cropped-768x535.webp 768w, https:\/\/blog.lateshift.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Slaveshipposter_cropped-1200x836.webp 1200w, https:\/\/blog.lateshift.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Slaveshipposter_cropped.webp 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Verlauf des 18. Jahrhunderts begann sich schon eine humanit\u00e4re Reaktion abzuzeichnen. Locke, Diderot, Voltaire, Rousseau, Wilberforce und viele andere sahen in der Sklaverei einen Anschlag auf die W\u00fcrde und die unver\u00e4u\u00dferlichen Rechte des Menschen. In England und in Pennsylvanien verdammte die Gesellschaft der \u2018Freunde\u2019, die Qu\u00e4ker, schon 1727 die Sklaverei. 1765 wurde in England die Antisklavereigesellschaft gegr\u00fcndet. Die Abschaffung der Sklaverei auf den britischen Inseln f\u00e4llt in das Jahr 1772. Die Pflanzer vermieden es, sich von ihrem Hauspersonal begleiten zu lassen, wenn sie England besuchten. Die britische Marine erhielt den Auftrag, das Verbot des Sklavenhandels vorerst auf den in britischen Territorialgew\u00e4ssern kreuzenden Schiffen, sp\u00e4ter auf allen unter britischer Flagge verkehrenden Schiffen zu verwirklichen. Schlie\u00dflich wurde 1807 der Sklavenhandel auch den britischen Besitzungen verboten, wo die Sklaverei selbst aber weiterhin legal blieb. Ein bl\u00fchender Schmuggel war die Folge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1833 verk\u00fcndete das britische Parlament die Befreiung aller Sklaven des Empires unter Auszahlung einer Entsch\u00e4digung an ihre Besitzer. Durch den auferlegten Verzicht auf die Sklaverei hatte die britische Regierung ihre B\u00fcrger in eine schwierige wirtschaftliche Lage versetzt. Wie sollten sie der Konkurrenz jener L\u00e4nder gewachsen sein, welche die Sklaverei nicht abgeschafft hatten? Es gab nur die eine L\u00f6sung, die anderen L\u00e4nder ebenfalls zur Aufhebung der Sklaverei zu bringen und diesen Beschluss durch einen gemeinsam ausge\u00fcbten Druck auch wirksam zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1804 war die Einfuhr von Sklaven nach den USA verboten worden. 1815 hatte Portugal eingewilligt, seinen Sklavenhandel nur noch s\u00fcdlich des \u00c4quators zu betreiben. Offiziell wurde der Sklavenhandel in der s\u00fcdlichen Hemisph\u00e4re zwischen Angola und Brasilien bis 1878 fortgesetzt. Brasilien selbst schaffte est zehn Jahre sp\u00e4ter die Sklaverei ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1815 hatte der Wiener Kongress zwar in einer feierlichen Grundsatzerkl\u00e4rung die Aufhebung des Sklavenhandels verk\u00fcndet. Aber in Frankreich war es erst die Zweite Republik von 1848, welche die Aufhebung der Sklaverei in den franz\u00f6sischen Kolonien proklamierte und durchsetzte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem gel\u00f6sten Problem folgten jedoch neue. Was sollte mit den befreiten Sklaven geschehen, etwa mit denen der Vereinigten Staaten, die ihren Herren davonliefen und in Neu-Schottland Zuflucht suchten? Was sollte das Schicksal derer sein, die man im Kielraum der von der k\u00f6niglich britischen Marine auf hoher See durchsuchten Sklavenh\u00e4ndlerschiffe vorfand? Es war nicht angebracht, sie genau dort wieder an Land zu setzen, wo sie den Sklavenh\u00e4ndlern in die H\u00e4nde gefallen waren. Von der sehr vereinfachten \u00dcberlegung ausgehend, dass sich ein Neger \u00fcberall in Afrika zu Hause f\u00fchle, kam man auf den Gedanken, sie in Sierra Leone anzusiedeln. Der erste Versuch dieses Experiments wurde 1787 durchgef\u00fchrt. Die eingeborene Bev\u00f6lkerung nahm jedoch gegen\u00fcber den Kolonisten neuer Spielart eine feindselige Haltung ein. Da die private \u2018Sierra-Leone-Kompanie\u2019 weder gewillt war, das Experiment zu wiederholen, noch seinen Erfolg gew\u00e4hrleisten konnte, kaufte die britische Regierung die Titel der Kompanie auf und machte Sierra Leone zur Kronkolonie. In einem langwierigen Prozess wurden dort w\u00e4hrend des ganzen 19. Jahrhunderts befreite Sklaven angesiedelt. Aber zwischen diesen eingef\u00fchrten und als Kreolen bezeichneten Schwarzen und der eingeborenen Bev\u00f6lkerung entstand niemals ein gutes Verh\u00e4ltnis. Die Kreolen konzentrierten sich deshalb auf einen engen Umkreis um Freetown. Zwischen 1808 und 1860 wurden etwa 70 000 ehemalige Sklaven, die meist von der britischen Marine auf hoher See befreit worden waren, in Sierra Leone angesiedelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Vereinigten Staaten war es eine private Gesellschaft, die \u2018American Colonization Society\u2019, welche sich die Wiederansiedlung freigelassener Sklaven in Afrika zum Ziel setzte. 1821 kaufte die Gesellschaft an der Sierra Leone ein St\u00fcck Land und gr\u00fcndete eine Stadt, die zu Ehren Pr\u00e4sident Monroes den Namen Monrovia erhielt. Einige tausend aus Amerika heimgebrachte ehemalige Sklaven wurden dort angesiedelt, aber auch sie wurden von der einheimischen Bev\u00f6lkerung schlecht aufgenommen. Sie konnten sich nur in der unmittelbar von den Kanonen der amerikanischen Marine besch\u00fctzten K\u00fcstenzone halten. Im ganzen hatten sich dort kaum mehr als 15 000 in Amerika und 5 000 auf hoher See befreite Sklaven niedergelassen. Die \u00fcbrigen in den USA freigelassenen Neger zogen es vor, in Amerika zu bleiben. Die Niederlassung der amerikanischen Gesellschaft erhielt den Namen Liberia und ein Statut als Staat. In Harvard wurde eine Verfassung ausgearbeitet und 1841 der erste afrikanische Gouverneur ernannt. Stufenweise erlangte Liberia die Autonomie \u2013 die Nachkommen der freigelassenen Sklaven \u2013 hielten im Land faktisch das Monopol der Regierung und der Verwaltung in H\u00e4nden, w\u00e4hrend das Hinterland in seinem alten Zustand verblieb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1849 wurde die \u2018Elizia\u2019, ein Schiff der Sklavenh\u00e4ndler, von den Franzosen erbeutet. Die \u2018Ladung\u2019 wurde in Gabun an Land gebracht und die Stadt, wo die befreiten Sklaven angesiedelt wurden, in \u2018Libreville\u2019 umgetauft, als Symbol der Aufhebung der Sklaverei in allen franz\u00f6sischen Besitzungen. Im Gegensatz zur Entwicklung in Freetown und Monrovia sollte Libreville zum Sitz einer franz\u00f6sischen Kolonialverwaltung werden.\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diskussionen \u00fcber Sklaverei werden heute, wie so vieles, auf weitgehend faktenfreiem Grund gef\u00fchrt. Deshalb haben wir aus der hervorragend sortierten Bibliothek von Dr. habil. Heike Diefenbach ein Altwerk entnommen, dem man wiederum eine kompakte und dennoch informierte Darstellung des Sklavenhandels entnehmen kann. 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